Unternehmensreputation im globalen Wandel.

CEO der SEC Newgate Group, Fiorenzo Tagliabue zu Reputationsrisiken und Chancen in einer fragmentierten Welt.

Im Vorfeld der Einführung des Impact Monitors teilt der CEO unseres Netzwerkes, der SEC Newgate Group, Fiorenzo Tagliabue, seine Einschätzung dazu, wie Unternehmen in einer fragmentierten Welt mit Reputationsrisiken und -chancen umgehen sollten.

Unternehmensrisiken und -strategien wurden 2025 neu definiert. Globale Handelsbeziehungen verschoben sich, geopolitische Spannungen nahmen zu, und die Erwartungen an Unternehmen reichten weit über die klassische wirtschaftliche Leistungsfähigkeit hinaus.

Gleichzeitig ist die Ära allgemeiner globaler Verlautbarungen und generischer ESG-Positionierungen einer differenzierteren Realität gewichen. Reputation wird zunehmend an konkreter lokaler Wirkung gemessen – nicht an Statements oder Frameworks. Entscheidend ist heute, was Menschen vor Ort tatsächlich erleben, nicht was Unternehmen auf globaler Ebene sagen.

In der Folge müssen Unternehmen ihre Art der Zusammenarbeit mit Regierungen, Kommunen und Stakeholdern neu denken. Corporate Diplomacy ist zu einer praktischen Notwendigkeit geworden: Sie hilft Unternehmen, politische Komplexität auf der Makroebene zu navigieren und zugleich kommerzielle Ergebnisse sowie gesellschaftlichen Mehrwert auf lokaler Ebene zu erzielen.

Mit Blick nach vorn stehen Corporate-Affairs-Verantwortliche erneut vor einem Richtungswechsel. Nach einer Phase permanenter Anpassung an fortlaufende Störungen besteht die Herausforderung nun darin, nachhaltige Langfriststrategien zu entwickeln, die neuen globalen Normen, entstehenden geopolitischen Allianzen und tief fragmentierten Stakeholder-Erwartungen Rechnung tragen.

Der SEC Newgate Impact Monitor – eine globale Studie mit über 20.000 Befragten in 20 Ländern – zeigt, dass die Öffentlichkeit von Unternehmen eine starke Führung erwartet, die auf ethischen und verantwortungsvollen Praktiken basiert und reale Wirkung entfaltet – zusätzlich zu Gewinnen, Arbeitsplätzen und Wachstum. Zugleich wird deutlich erwartet, dass Unternehmen offen mit einem komplexen und häufig gespaltenen Stakeholder-Umfeld umgehen.

Während SEC Newgate den Impact Monitor vorbereitet, erläutert Group CEO Fiorenzo Tagliabue seine Perspektive darauf, wie Unternehmen auf eine Welt reagieren müssen, in der Risiken und Chancen lokaler, politischer und folgenreicher werden.

2025 brachte erhebliche Veränderungen in globalem Handel, Geopolitik und in den Erwartungen an Unternehmen. Wie hat dies die Unternehmensstrategie und die Rolle von Corporate Affairs verändert?

Die wichtigste Verschiebung besteht darin, dass Unsicherheit strukturell geworden ist und nicht mehr episodisch auftritt. Unternehmen reagieren nicht länger auf einzelne Schocks, sondern agieren in einem Umfeld, in dem Handel, Regulierung, Politik und öffentliche Erwartungen sich kontinuierlich verändern.

Dadurch hat sich die Bedeutung von Corporate Affairs deutlich erhöht. Strategien können nicht mehr losgelöst von geopolitischen Entwicklungen, öffentlicher Stimmung oder staatlichen Eingriffen entwickelt werden. Gleichzeitig müssen globale Strategien deutlich flexibler sein. Allgemeine Leitbilder oder uniforme Ansätze reichen in Märkten mit stark divergierenden Erwartungen kaum noch aus.

Stattdessen beobachten wir eine stärkere Fokussierung auf lokal verankerte Umsetzung, unterstützt durch eine starke globale Koordination. Corporate Affairs steht dabei im Zentrum – sie hilft Organisationen, Risiken zu steuern, Glaubwürdigkeit zu wahren und wirtschaftliche Ziele mit sozialen und politischen Realitäten in Einklang zu bringen.

Politische Eingriffe nehmen in vielen Märkten zu. Können sich Unternehmen noch von Geopolitik abgrenzen, oder müssen sie sich direkter einbringen – auch wenn dies polarisierend wirken kann?

In der Praxis ist eine Trennung nicht mehr möglich. Wirtschaftliches Handeln ist stark politisiert – sei es durch Handelspolitik, Energiewende, Industriepolitik oder den Einsatz von Investitionen als geopolitisches Instrument.

Große Organisationen agieren grenzüberschreitend und sind damit unterschiedlichen politischen Systemen, wechselnden Allianzen und widersprüchlichen Erwartungen ausgesetzt. Entscheidungen in einem Markt können andernorts ganz anders interpretiert werden.

Genau deshalb ist Corporate Affairs heute eine zentrale Fähigkeit. Unternehmen müssen reflektiert und konsistent agieren, die Vielfalt ihrer Zielgruppen berücksichtigen und ihre eigenen Werte sowie ihre Strategie klar definieren und vertreten. Ziel ist nicht politische Parteinahme, sondern Resilienz. Dafür braucht es ein Verständnis des geopolitischen Kontexts, die Antizipation von Veränderungen und die Fähigkeit, Komplexität so zu navigieren, dass langfristiger Wert und gesellschaftliche Akzeptanz gesichert werden.

Wir beobachten eine Zurückhaltung in der öffentlichen Sprache rund um ESG, Nachhaltigkeit und DEI. Signalisiert das einen grundsätzlichen Rückzug oder lediglich eine veränderte Herangehensweise?

Am stärksten verändert hat sich die Erzählweise, nicht der grundlegende Anspruch.

Viele Unternehmen haben sich von breit angelegten öffentlichen Bekenntnissen zurückgezogen, doch das bedeutet nicht, dass sie ökologische oder soziale Verantwortung aufgegeben hätten. In den meisten Fällen werden diese Themen heute weniger als Positionierung verstanden, sondern stärker als zentrale Elemente von Risikomanagement, Resilienz und langfristiger Wettbewerbsfähigkeit.

Klimarisiken, Störungen in Lieferketten, Erwartungen der Belegschaft und die Gewinnung von Talenten sind nicht verschwunden – im Gegenteil, sie haben sich verschärft. Unsere Forschung zeigt weiterhin eine breite öffentliche Unterstützung für verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln, auch wenn Skepsis gegenüber Labels oder wahrgenommenem „Purpose-Posing“ besteht.

Ähnliches gilt für DEI. Auch wenn bestimmte Begriffe oder Maßnahmen neu bewertet werden, bleiben gute Governance, faire Behandlung, Chancengleichheit und inklusive Unternehmenskulturen grundlegende Faktoren für Reputation und Performance. Der Fokus verschiebt sich von der Proklamation zur Praxis.

Sie haben den ESG Monitor in Impact Monitor umbenannt. Bedeutet das, dass ESG strategisch an Bedeutung verloren hat?

Ganz im Gegenteil. ESG bleibt ein hilfreiches Ordnungsraster, um unternehmerische Verantwortung zu strukturieren. Verändert hat sich, wie diese Verantwortung beurteilt wird.

Über fünf Jahre Forschung hinweg zeigt sich ein klarer Wandel in den Erwartungen der Öffentlichkeit. Begriffe und Terminologien treten in den Hintergrund, während Ergebnisse in den Vordergrund rücken. Menschen wollen konkrete, positive Veränderungen sehen – insbesondere in Bereichen, die ihren Alltag und ihre Gemeinschaften betreffen.

Der Impact Monitor trägt dieser Entwicklung Rechnung. Er schärft den Blick darauf, was heute Legitimität schafft: Umsetzung, Relevanz und Authentizität auf lokaler Ebene. In diesem Sinne ist Impact keine Abkehr von ESG, sondern dessen praktische Ausprägung.

Eines der stärksten Ergebnisse der diesjährigen Studie ist die Betonung von Lokalisierung. Wie sollten global agierende Unternehmen darauf reagieren, ohne die Vorteile der Globalisierung zu untergraben?

Das ist keine Absage an globales Wirtschaften, sondern ein Ruf nach Balance und Verantwortung.

Menschen schätzen globale Innovation, Investitionen und Vernetzung, erwarten zugleich aber lokale Arbeitsplätze, lokale Wertschöpfung und lokale Verantwortung. Deshalb erweist sich Lokalisierung immer wieder als Treiber von Glaubwürdigkeit – selbst dann, wenn sie höhere Kosten bedeutet.

Für global tätige Unternehmen besteht die Herausforderung darin, ihr Engagement dort sichtbar zu machen, wo sie tätig sind: bei Beschäftigung, Beschaffung, Steuerzahlungen, im Umgang mit Gemeinden und bei der Wahrung von Werten, die lokalen Zielgruppen wichtig sind. Globale Größe bleibt ein Vorteil, doch Legitimität wird zunehmend vor Ort erworben.

Mit Blick auf 2026: Welche zentralen Risiken und Chancen sollten Unternehmen vorbereiten – und welche Haltung wird nötig sein, um damit umzugehen?

Wir treten in eine Phase anhaltender Instabilität ein. Geopolitischer Wettbewerb, Handelskonflikte, Populismus und regulatorische Eingriffe dürften eher zunehmen als abnehmen.

Gleichzeitig entstehen in diesem Umfeld Chancen für gut vorbereitete Unternehmen. Wer in Erkenntnisse investiert, Veränderungen antizipiert und konstruktiv mit Regierungen und Stakeholdern zusammenarbeitet, ist besser positioniert, sich anzupassen und zu wachsen.

Die wichtigste Erkenntnis ist: Verantwortung ist heute operativ. Glaubwürdigkeit entsteht schrittweise – durch alltägliche Entscheidungen und lokale Ergebnisse. Corporate Affairs und Corporate Diplomacy sind keine Randfunktionen mehr, sondern zentral für das Management von Komplexität und für langfristigen Erfolg in einer fragmentierten Welt.

Vielen Dank, Fiorenzo.

Der SEC Newgate Impact Monitor erscheint zu einem Zeitpunkt, an dem sich die Erwartungen an Unternehmen grundlegend verändern. In allen Märkten werden Organisationen weniger an ihren Versprechen gemessen als an der Wirkung, die sie tatsächlich entfalten.

Die Ergebnisse senden eine klare Botschaft an Führungskräfte: Verantwortung ist operativ geworden, Reputation wird lokal aufgebaut, und der Umgang mit politischer und gesellschaftlicher Komplexität ist heute ein zentraler Bestandteil unternehmerischen Handelns.

Mit Blick auf 2026 bietet der Impact Monitor eine fundierte globale Perspektive darauf, wie Stakeholder-Beziehungen entstehen, wie sich Erwartungen zwischen Märkten unterscheiden und was nötig ist, um in einer zunehmend fragmentierten Welt resiliente Strategien zu entwickeln.

Der SEC Newgate Impact Monitor startet am 14. Januar. Der globale Bericht sowie alle länderspezifischen Reports sind dann auf der Website von SEC Newgate verfügbar. Abonnieren Sie hier, um Zugriff auf den Report zu erhalten.